notamuse

Eine angemessene Bezahlung spielt natürlich eine Rolle!

Jasmin Müller-Stoy

About

»notamuse« thematisiert die fehlende Sichtbarkeit von Grafikdesignerinnen in der Designöffentlichkeit. Die Bedeutung des Namens ist klar: not a muse. Anders als die Muse, die durch ihre inspirierende aber passive Funktion männliche, kreative Geister anregt, geht es uns um Designerinnen, die selbst schöpferisch tätig sind und sich aktiv an der Gestaltung der Designlandschaft beteiligen. notamuse stellt sie auf dieser Seite in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.


Wir wünschen uns mehr weibliche Vorbilder im Grafikdesign sowie eine diversere Designszene, jenseits von männlichen Heldenfiguren. Im Frühjahr 2017 führten wir deshalb 22 Interviews, in denen wir mit verschiedenen Frauen über Themen wie die neue Arbeitswelt und Frauen in »Männerberufen«, über die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gestalter_innen und Sexismus im Berufsalltag sprachen. Wir diskutierten über gestalterische Haltung, Arbeitsabläufe und persönlichen Erfahrungen in der Designwelt. Thematisch sortiert können die Antworten auf dieser Website verglichen werden und geben damit einen Einblick in die Design-Vorstellung der Gestalterinnen, in ihre Ideale und ihre persönliche Auseinandersetzung mit Gleichberechtigung – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Die Statements der Soziologinnen und Designtheoretikerinnen ergänzen dabei die Auseinandersetzung.
Neben dieser Website entsteht das Buch »notamuse – A New Perspective on Graphic Design«, das ausschließlich Arbeiten zeitgenössischer Grafikdesignerinnen präsentiert. Es versteht sich dabei als bewusste Geste, um den männlich dominierten Designdiskurs auszugleichen und wird voraussichtlich 2018 erscheinen.


Notamuse bei Facebook
Notamuse bei Instagram

Das Team von notamuse: Silva Baum, Claudia Scheer und Lea Sievertsen (v.l.n.r.)

Impressum


notamuse
Silva Baum, Claudia Scheer, Lea Sievertsen
Mainzer Str. 12
10247 Berlin

Kontakt:
hi@notamuse.de

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Garantie dafür, dass die auf dieser Website bereitgestellten Informationen vollständig, richtig und aktuell sind. Wir behalten uns vor, die Informationen auf dieser Site jederzeit und ohne vorherige Ankündigung zu ändern oder zu aktualisieren. Wir übernehmen keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt verlinkter Seiten sind ausschließlich deren Betreiber_innen verantwortlich.
Die auf dieser Internetseite veröffentlichten Inhalte unterliegen dem Urheberrecht und anderen Gesetzen zum Schutz geistigen Eigentums. Für den privaten sowie nichtkommerziellen Gebrauch ist die weitere Nutzung gestattet, solange auf die Betreiberinnen dieser Seite verwiesen wird. Jede weitere Form der Nutzung bedarf einer schriftlichen Genehmigung. Soweit die Inhalte auf dieser Seite nicht von den Betreiberinnen erstellt wurden, werden die Urheberrechte Dritter beachtet, insbesondere werden Inhalte Dritter als solche gekennzeichnet. Sollten Sie trotzdem auf eine Urheberrechtsverletzung auf dieser Site aufmerksam werden, bitten wir um einen entsprechenden Hinweis.


Code von Jens Schnitzler, Tim Rausch und Jana Reddemann

Isabel Seiffert

  • Isabel Seiffert (und Christoph Miler), Offshore Studio
  • Zürich, Schweiz
  • http://www.offshorestudio.ch/
  • Das Inter­view wurde am 17.05.2017 in Zürich geführt.

Isabel Seiffert studierte an der Merz Akademie in Stuttgart und der ZHdK, bevor sie nach kurzer Agenturzeit zusammen mit Christoph Miler das in Zürich ansässige Offshore Studio gründete. Ihre Projekte konzentrieren sich auf Editorial Design, Typografie und Storytelling. Neben Aufträgen und Kollaborationen im kulturellen Bereich untersucht Offshore Studio kritische Fragen rund um Design, Globalisierung und Medien in selbstinitiierten Projekten. Seit 2016 sind sie außerdem Art-Direktor_innen des »Migrant Journals«. Im Interview spricht Isabel Seiffert mit uns über ihre gestalterische Herangehensweise, die Wichtigkeit weiblicher Vorbilder und Gleichberechtigung in der Designbranche.

Wie laufen Projekte üblicherweise ab?

IS: Bisher arbeiten wir besonders am Anfang eines Projekts an allem gemeinsam, weil wir den Austausch schätzen und vieles klar wird, wenn wir darüber reden. Sobald wir einen Auftrag erhalten, sprechen wir ihn gemeinsam durch und sammeln Ideen. Danach probiert jede/r verschiedene Richtungen aus, die wir anschließend wieder besprechen und filtern. So geht es weiter, bis wir uns auf eine Richtung einigen. Ab diesem Zeitpunkt teilen wir uns die Aufgaben, trotzdem verfolgen wir das Vier-Augen-Prinzip: bevor etwas rausgeschickt wird, schauen immer beide drauf. Durchgehend gemeinsam an einer Sache zu arbeiten ist allerdings sehr zeitintensiv, gleichzeitig werden die Projekte so besser. Das ist ein Grund, warum wir zusammenarbeiten.

Wie kann man sich deinen Gestaltungsprozess vorstellen?

IS: Wir sind beide sehr selbstkritisch und haben eine starke Haltung zu Ästhetik und gewissen gestalterischen Formen. Allerdings wollen wir kein Dogma entwickeln, wie manche Studios, bei denen alles gleich aussieht. Wir wollen aber genauso wenig ein Studio sein, bei dem jedes Projekt anders und keine Haltung erkennbar ist – wir diskutieren noch, wo genau die Linie dazwischen verläuft. Beispielsweise haben wir gewisse Qualitätsansprüche und eine Vorliebe für Typografie, aber versuchen, das bei jedem Projekt in Frage zu stellen und zuerst etwas ganz anders zu machen. Am Anfang testen wir oft Sachen, die auch erst einmal furchtbar aussehen können. Durch Reduktion und Systematik werden die Entwürfe im nächsten Schritt klarer und das Konzept deutlicher. Wenn wir sie dann reduzieren, können wir klarer argumentieren, warum es so aussieht und nicht anders. Unser Zeitaufwand für die Gestaltung ist durch diese Experimentierphase natürlich recht intensiv und langwierig.

Gibt es Stile oder Bewegungen, die dich besonders inspirieren?

IS: Als ich anfing mich mit Editorial und Typografie auseinanderzusetzen, waren es die gängigen Namen wie Mirko Borsche oder Hort. Im Kern reizt mich vermutlich auch immer noch das Gleiche: grafische, präzise, nicht zu verspielte Arbeiten. Ich habe mich schon früh für Schweizer Grafik interessiert, was dazu geführt hat, dass ich meinen Master in Zürich gemacht habe. Mehr als ein bestimmter Stil hat mich hier ein gewisser Qualitätsanspruch angesprochen. Ich finde, dass die Arbeiten handwerklich viel präziser und durchdachter sind als in Deutschland. Dort fehlt mir oft die Detailliebe in der Typografie, aber auch im Druck.

Kann Design einen Beitrag zur Gesellschaft leisten?

IS: Diese Frage hören wir oft: »Can Design change the world?« Ich habe darauf keine klare Antwort. Ich glaube nicht, dass allein Design etwas verändern kann, aber es kann, ebenso wie Sprache, beeinflussen, wie Themen aufgenommen werden. Je nachdem wie es formuliert wird, kann es abstoßend sein oder neue Welten eröffnen, dir den Zugang entweder gewähren oder verweigern.
Das Potential, das Design hat, wird definitiv nicht genug eingesetzt. Es könnte neben Werbung und Popkultur auch in wissenschaftlichen Bereichen viel stärker genutzt werden. Ich hoffe, dass der Bereich der Wissensvermittlung noch präsenter wird, denn dort hat Design einen Platz und kann etwas verändern – es kann Menschen helfen, Sachverhalte besser zu verstehen.

Was macht gute Gestaltung aus?

IS: Das kommt auf das Projekt an. Wenn es um ein komplexes, gesellschaftlich wichtiges Thema geht, finde ich, dass die Gestaltung einer Logik folgen und nicht irreführend sein sollte. Gleichzeitig darf sie nicht trocken sein, das Thema sollte immer noch zugänglich bleiben. Gestaltet man aber einen Flyer für eine Jazzband, ist es etwas anderes. Das Design für den Flyer kann gut sein, ohne diesen Anspruch zu erfüllen. Es kommt auf den Kontext an.

Was bedeutet für dich Erfolg?

IS: Das ist ein ständiger Prozess, meine Haltung dazu verändert sich immer wieder. Mir ist Erfolg bis jetzt immer sehr wichtig gewesen, vielleicht weil ich oft Selbstzweifel habe und Erfolg etwas ist, das einem vermeintlich Zusicherung und Bestätigung für die eigene Leistung gibt. Das kann einerseits heißen, dass man Anerkennung in den eigenen Reihen bekommt, aber auch Aufträge erhält, die man spannend findet. Ich war schon immer sehr strebsam, weil ich oft das Gefühl hatte, dass man es als Frau nicht schaffen kann. Ich kannte keine erfolgreichen Designerinnen, deshalb wollte ich es umso härter versuchen. Es hat daher für mich auch etwas mit Erfolg zu tun, in Jurys eingeladen zu werden und zu merken, dass das für viele etwas Neues ist. Das passiert scheinbar noch selten, daher finde ich es sehr wichtig und sehe es als eine Art Pflicht an, daran teilzunehmen.

Hältst du gerne Vorträge oder gibst Workshops?

IS: Ja, zwar bin ich jedes Mal wieder aufgeregt und es ist anstrengend, aber von Anfang an dachte ich, dass ich es machen muss und ich mache es auch gern. Es gab in der ersten Hälfte meines Studiums keinen einzigen Vortrag einer weibliche Grafikerin. Allein deshalb sage ich meistens ja, wenn ich angefragt werde. Ich habe das Gefühl, dass es vor allem bei Vorträgen nur diese eine Perspektive gibt, nämlich von Männern mittleren Alters und deren bestimmter Art, ihre Arbeit darzustellen. Dadurch wird diese Art zu dem einzigen Indiz dafür, dass jemand gut ist. Man kann aber ebenso zurückhaltend sein und trotzdem etwas auf dem Kasten haben!

Hast du je negative Erfahrungen aufgrund deines Geschlechts gemacht?

IS: Ich habe eher indirekt schlechte Erfahrungen gemacht, zum Beispiel in Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dass mir als Frau weniger zugetraut wird. Gerade bei Kund_innenpräsentationen wird den Aussagen weniger Vertrauen geschenkt. Du wirst weniger als Genie gesehen, sondern eher hinterfragt. Je jünger du bist, desto schwieriger ist es, da du nicht so viel Erfahrung ausstrahlst. Es ist schwierig, wenn man nicht dieser charismatische Typ ist, der alles so darstellt, als könnte es nur so und nicht anders sein. Ich habe mich lange Zeit aber auch selbst gehindert. Als ich mich während des Studiums für ein Praktikum bewerben musste, habe ich mich bei einigen Studios absichtlich nicht beworben. Manche hatten bis dato noch keine weiblichen Praktikantinnen gehabt, so dass ich mich nicht getraut habe, mich dort zu bewerben und auch in vielerlei Hinsicht deswegen nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollte. Im Nachhinein habe ich es manchmal bereut, es nicht trotzdem gemacht zu haben, aber damals war ich noch zu unsicher.

Wie gleichberechtigt arbeiten wir heute?

IS: Ich glaube nur in den seltensten Fällen arbeiten wir gleichberechtigt. Bei vielen Studios, die aus einem Mann und einer Frau bestehen, steht der Mann mehr im Vordergrund. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass sich manche Frauen unwohl dabei fühlen, im Rampenlicht zu stehen oder daran, dass es bei Frauen nicht als positive Eigenschaft angesehen wird, sehr selbstbewusst aufzutreten. Ich habe das Gefühl, dass Frauen oft besonders stark wirken wollen, weil das bei Männern als Erfolgsattribut gilt. Auch persönlich mache ich mir Gedanken darüber, wie ich sein muss und möchte tendenziell nicht zu mädchenhaft wirken. Das heißt nicht, dass ich eine Rolle spiele, aber es nimmt Einfluss darauf, wie ich mich verhalte, um Ernst genommen zu werden oder wie ich auf Konferenzen auftrete. Manchmal ertappe ich mich trotzdem dabei, dass auch ich Frauen und Männer für das gleiche Verhalten unterschiedlich bewerte.
Bei uns ist es eine spezielle Situation. Christoph ist sehr dafür, alte Strukturen zu ändern und hat zum Beispiel vorgeschlagen, meinen Namen zuerst zu schreiben, damit die Frau endlich einmal nicht an zweiter Stelle steht. Meine Generation ist also eigentlich die erste, die anders damit umgehen will, aber ich finde, es könnte schneller gehen. In Zürich gibt es eigentlich viele gute Gestalterinnen, die aber teilweise unsichtbar sind, weil sie nicht auf Vorträge gehen oder im Netz aktiv sind, vor allem bei der älteren Gestalterinnengeneration. Bei vielen jüngeren Studios, wie zum Beispiel Kasper Florio, ist es nicht mehr der Fall, dass nur der männliche Part sichtbar ist und im Vordergrund steht.

Gibt es zu wenige weibliche Vorbilder?

IS: Außer Larissa von Kasper Florio, Ines Cox und vielleicht Veronica Ditting fallen mir immer noch kaum weibliche Gestalterinnen auf Anhieb ein. Vinca Kruk von Metahaven ist zum Beispiel eine sehr starke Persönlichkeit. Während des Studiums hatte ich einen Workshop mit ihr und dass sie so stark auftrat, wirkte ungewohnt. Es war das erste Mal, dass ich einen Workshop mit einer Frau hatte, bei dem das Thema weder Zeichnen noch Illustration war. Darüber habe ich auch schon mit Andreas Uebele gesprochen, der fand, dass die Geschlechterungleichheit in der Gestaltung mittlerweile kein Thema mehr sei. Die einzige aber, die er mir nennen konnte, als ich erwiderte im Studium keine weiblichen Vorbilder gehabt zu haben, war Paula Scher.
Ich weiß nicht, ob das so ist, weil Frauen ihr Potential nicht voll ausschöpfen und nicht weit genug in ihrem Schaffen gehen oder weil sie nicht so oft erwähnt werden. Von der Geschichtsschreibung werden sie zum Beispiel meist gar nicht berücksichtigt. Sarah Owens, die Leiterin für Visuelle Kommunikation an der ZHdK, hat vor eineinhalb Jahren bei der AGI einen Vortrag über Frauen in Kunst und Design gehalten. Sie hat sich geschichtlich mit dem Thema auseinandergesetzt, unter anderem mit dem sonst so fortschrittlichen Bauhaus, an dem Frauen in die Textil- und Töpferklassen gesteckt und nicht in die Architektur aufgenommen wurden.

Wie strikt trennst du Arbeit und Privatleben?

IS: Das ist das Thema meines Jahres. Gestaltung ist in meinem Leben sehr wichtig, wenn nicht das Wichtigste. In den letzten Jahren habe ich extrem viel gearbeitet, kaum Ferien gemacht und viel Zeit und Geld investiert, um dahin zu kommen, wo ich hin will. Ende letzten Jahres hat mir meine Gesundheit einen Strich durch die Rechnung gemacht: Von einem Tag auf den anderen war mein rechter Arm so entzündet, dass ich keinen Stift mehr halten konnte. Vier Monate lang war nicht klar, ob es wieder heilen würde. Das war für mich einen große Lebenskrise – wir hatten gerade Offshore gegründet und ich konnte auf einmal nicht arbeiten. Irgendwann habe ich dann eingesehen, dass ich umdenken und mich neben der Arbeit auch mal mit anderen Dingen beschäftigen muss. Ich arbeite zwar immer noch an vielen Wochenenden, aber ich versuche einen Tag in der Woche freizunehmen. Und ich habe jetzt einen Hund, mit dem ich mittags rausgehen muss. In den frühen Entwurfsphasen eines Projekts bin ich meistens auch mental ziemlich eingespannt, sodass ich abends oft weiterarbeite oder zumindest bis spät in die Nacht recherchiere und das Projekt weiterdenke. Ich kann und möchte dann meistens nicht abschalten oder etwas anderes unternehmen. Das ist auch für mein Umfeld ein bisschen schwierig. Ich glaube aber, dass es bei diesen Berufen, bei denen man eine bestimmte Vision davon hat, was man machen will, eines gewissen Stellenwerts und Zeitaufwandes bedarf. Deswegen ist die Selbstständigkeit auch so wichtig für mich und, zumindest bis jetzt, die einzige Option in der Gestaltung zu arbeiten.

Was wäre das ultimative Projekt?

IS: Vielleicht für eine große Ausstellung, wie die documenta oder Venedig Biennale, zu arbeiten. Ich fände es auch extrem spannend, Publikationen für Forschungsprojekte am MIT zu machen. Gesellschaftlich relevante Bereiche, die auch außerhalb des Kunst- und Kulturbetriebs bestehen, interessieren mich. Ich kann kein konkretes Projekt benennen, aber etwas wissenschaftliches, das auch ästhetisch anspruchsvoll ist, fände ich sehr spannend und relevant.

Was würdest du jungen Designerinnen mit auf den Weg geben?

IS: Sich nicht einschüchtern lassen. Nicht wie ich Angst haben, sich bei jemandem zu bewerben, nur weil er wirkt, als nähme er weibliche Gestalterinnen nicht ernst, sondern es trotzdem tun. Je mehr Frauen sich in dem Feld beweisen, desto eher wird es zur Normalität. Auch wenn man eine introvertierte Person ist, sollte man versuchen aus sich heraus zu gehen, über seine Arbeit zu reden und sichtbar zu sein, denn nur damit schafft man ein kollektives Bewusstsein.

notamuse